20,3 km (Distanz)

549 m (Aufstieg)

810 m (Abstieg)

1.348 m (niedrigster Punkt)

1.828 m (höchster Punkt)

Höhenprofil (Klick zum Vergrößern):

Montag, 10.08.2020

Am frühen Morgen werde ich beim Blick aus dem Fenster meines großzügig bemessenen Zimmers im komfortablen Almhotel Glieshof von den Ötztaler Alpen im Norden begrüßt, die majestätisch über dem Talschluss des Matschertals ruhen. Das üppige Frühstücksbuffet hebt meine Laune weiter, auch wenn ich als Wanderer zwischen den schicken Hotelgästen vielleicht ein wenig deplatziert wirke, aber so früh am Morgen sind die meisten noch gar nicht beim Frühstück und außerdem ist es mir sowieso egal. Nach dem Frühstück breche ich zügig auf und verlasse das luxuriöse Wanderdomizil, für den Nachmittag sind Gewitter angekündigt, denen ich ganz gerne aus dem Weg gehen würde. Wandertechnisch habe ich heute zwei Möglichkeiten – entweder den ausgeschilderten Vinschger Höhenweg durch den Tartscher Wald oder die Route mit dem Aufstieg zum Gipfel der Spitzige Lun auf 2.324 Metern mit anschließendem Abstieg nach Planeil. Entscheiden muss ich mich an der Weggabelung in Matsch und ich beschließe, die Entscheidung vom Wetter abhängig zu machen, ich habe jedenfalls keine Lust bei Gewitter auf dem exponierten Berggipfel zu stehen.

Zunächst einmal beginnt meine heutige Wanderung jedoch unspektakulär und in sanftem Abstieg zurück Richtung Etschtal im Südwesten. Nach wenigen Minuten erreiche ich die Dialbrücke, hier teilt sich der Weg in den südlich des Saldurbachs gelegenen Pfad, auf dem ich am Vortag zu den Glieshöfen gewandert bin, und die gegenüberliegende Route, auf der ich heute wieder aus dem Matschertal herauswandern werde. Der Weg führt erst am Bach entlang und trifft wenig später auf den Matscher Ackerwaal, der mich auf dem heutigen Rückweg aus dem Tal begleiten wird. Meine Schuhe sind schon bald nass von dem feuchten Morgentau auf den Wiesen, aber das Wetter ist am heutigen Morgen noch freundlich und schön. Am Waalweg entlang geht es über Weideflächen und schon bald rückt der Ortler mit seinem schneebedeckten Gipfel wieder ins Bild. Ich passiere die verstreut liegenden Höfe Sass, Walferzugg und Kreuzegg und wandere weiter talauswärts an den freien Wiesenhängen, immer dem Ackerwaal folgend. Nach etwa 2 Stunden gemütlichen wanderns erreiche ich das auf 1.584 Metern gelegene Bergsteigerdorf Matsch. Die Ortlergruppe vor mir liegt weiter sonnenverwöhnt im wolkenlosen Himmel, aber weiter westlich ziehen Wolken hinter den Bergen auf. Ein Blick auf meine Wetter-App zeigt mir, dass Niederschlag und Gewitter eventuell schon früher bei mir, bzw. meinem Wandergebiet eintreffen, aber in den Bergen weiß man das ja nie so ganz genau. Als ich die Abzweigung zum Gipfel der Spitzige Lun erreiche beschließe ich jedenfalls, dass ich die sichere Variante wähle und auf dem Vinschger Höhenweg bleiben werde, auch wenn mich der Blick vom Gipfel schon gereizt hätte. Ein klein wenig mögen auch der steile Anstieg, der sich hier schon an der Weggabelung abzeichnet und die zu bewältigenden 800 Höhenmeter eine Rolle bei meiner Entscheidung spielen. Ich fühle mich heute eher nach gemütlichem Wandern, gebe aber, für’s Protokoll, hier alleine wettertechnische Gründe für meine Entscheidung an 😉

Ich folge also weiterhin dem Wegweiser des Vinschger Höhenweges, der zunächst kurz aufwärts und dann mit geringer Steigung den Hang entlang Richtung Südwesten verläuft. Es sind vorwiegend breite und leichte Wege, die durch Misch- und Lärchenwald führen und meinem heutigen Bedürfnis nach gemütlichem Wandern entgegenkommen. Nach knapp drei Kilometern verlasse ich das Matschertal und kann unter mir wieder Schluderns im Etschtal erblicken. Einem kurzen Abstieg zum Höfeweiler Muntatschinig oberhalb von Mals folgt kurz vor dem Ort ein erneuter Anstieg, der mich wieder in den schattigen Wald bringt. Ich erreiche eine schön angelegte ehemalige Militärstraße, auf der ich gemütlich bis zu einem Wegkreuz auf den Almböden von Malettes wandern kann. Durch den Lärchenwald führt der Vinschger Höhenweg nun hinab Richtung Malser Haide und weiter in Serpentinen abwärts bis zum Talboden auf 1.350 Metern. Eine Brücke bringt mich über den Punibach, den ich mit seinem Rauschen schon seit einer kleinen Weile vernommen habe. 1,2 Kilometer sind es noch bis zum Etappenziel am Bergdorf Planeil, bei denen jedoch noch einmal etwas mehr als 200 Höhenmeter im Anstieg zu bewältigen sind. Hinter mir ist der Himmel inzwischen mit dunklen Wolken bedeckt so dass ich ohne Pause weiterlaufe, um dem drohenden Gewitter zu entgehen. Die schwüle Luft im Anstieg bringt mich nochmal gehörig ins Schwitzen, aber schließlich habe ich meine Unterkunft im Gasthof Gemse erreicht, während die Wolken am Himmel weiterhin nur drohen, aber noch nicht abregnen.

Während ich mich noch freue, vor dem Gewitter angekommen zu sein bemerke ich ein Schild an der verschlossenen Gasthoftür, das den heutigen Montag als Ruhetag ausweist. Dementsprechend ruhig ist es auch um den gesamten Gasthof herum. Eine Klingel findet sich nicht, dafür aber ein weiteres handgeschriebenes Schild, auf dem zwei italienische Handynummern vermerkt sind, die man im Notfall anrufen könne. Ich betrachte mich als Notfall, wähle die entsprechenden Nummern und hoffe, dass der Teilnehmer am anderen Ende mir weiterhelfen kann, erreiche jedoch niemanden. Glücklicherweise öffnet sich in diesem Moment die Tür des Gasthofs und der Herr des Hauses steht in seinen Küchenklamotten vor mir, er hat mich wohl bemerkt als ich um das Haus geschlichen bin und lässt mich nun auch ein. Darüber hinaus wird mir versichert, dass die gasthofeigene Gastronomie für die Gäste des Hauses trotz Ruhetag geöffnet ist. Nach der obligatorischen Dusche und dem Wechsel der Klamotten sitze ich also wenig später erst einmal in der Gaststube und genieße einen Eisbecher und einen Kaffee während draußen der Himmel weiterhin bedrohlich aussieht, aber ruhig bleibt. Erst als ich einige Stunden später beim Abendessen sitze bricht es über uns herein mit wolkenbruchartigen Regenfällen und kurzem, aber heftigem Gewitter. Jetzt ist mir das jedoch egal, denn ich sitze im Trockenen und erwarte ein Vier-Gänge-Menü mit einer Weißweinsuppe als Vorspeise, dem ein Pfifferlingsrisotto als Primo piatto und ein Rinderbraten mit Gemüse als Secondo folgt. Und während draußen das Unwetter langsam vorüberzieht lasse ich meinen Tag mit einem hausgemachten Karamellflan ausklingen, zu dem ich mir noch einen Espresso gönne. Zur Abschlussetappe morgen ist wieder schönes Wetter vorhergesagt und vielleicht wird dies ja meine erste Fernwanderung, an der ich nicht einen einzigen Regentropfen abbekomme.