25,0 km (Distanz)

969 m (Aufstieg)

1.163 m (Abstieg)

1.356 m (niedrigster Punkt)

1.774 m (höchster Punkt)

Höhenprofil (Klick zum Vergrößern):

Samstag, 08.08.2020

Der Morgen beginnt mit einem Frühstück, bestehend aus hausgemachtem Joghurt und frischer Milch vom Hof, Vinschger Paarl-Brötchen mit Speck und Bergäse aus der hofeigenen Käserei und selbstgemachter Marmelade. Übernachtung auf dem Bauernhof auf 1.700 Metern, Frühstück mit hofeigenen Produkten und Blick ins Etschtal, in dem ich 1.000 Höhenmeter tiefer am Tag zuvor gestartet bin, ein guter Start in den Tag. Das Wetter wird ähnlich wie gestern ausgesprochen schön sein mit Temperaturen um 30°C. Oli, der mich gestern mit dem Bus von Reschen nach Staben zum Startpunkt meiner Tour geshuttelt hat, hat die heutige Tour nach Tanas als „Königsetappe“ auf dem Vinschger Höhenweg bezeichnet, da sie etwas anspruchsvoller als die übrigen Etappen sei und außerdem exponiert am Vinschger Sonnenberg verläuft, knapp 1.000 Höhenmeter Auf- und Abstieg sind auf den 25 Kilometern zu bewältigen.

Ich bin präpariert, vom Bauernhoffrühstück gestärkt und habe Wasserflasche und Trinkblase bis zum Rand gefüllt. Als ich aufbreche ist meine Motivation auf dem Höhepunkt, erhält jedoch bereits nach etwa einem Kilometer einen empfindlichen Dämpfer. Ein Schild am Wegrand informiert mich, dass der Vinschger Höhenweg aufgrund eines Murenabgangs zwischen Zuckbichl und Patsch gesperrt ist. Auf die Angabe einer Umleitung haben meine Freunde vom Alpenverein Südtirol leider verzichtet. Ein Blick auf meine Karte lässt nichts gutes erahnen, es gibt nur eine Alternative: Absteigen, parallel zum Forrawald nach Westen wandern und dann wieder zusätzliche 750 Höhenmeter jenseits von Patsch aufsteigen. Ich überschlage das ganze kurz und komme zu dem Schluss, dass mich das einiges an Zeit, Kraft und Kondition kosten wird. Ein Anruf beim Shuttletaxi bringt mich nicht weiter, Oli shuttelt gerade am Gardasee, mein Gepäck wird erst später abgeholt. Also beginne ich mit dem Abstieg und bete insgeheim um ein Wunder, dass mir der kräftezehrende Wideraufstieg doch noch irgendwie erspart bleibt. Zunächst einmal muss ich den Abstieg meistern, der kleine Pfad der vor mir liegt ist nicht fernwandertauglich präpariert, es geht relativ steil abwärts und das Gras ist vom Morgentau noch glatt und rutschig. Als ich den Ratschillhof erreiche wird der Weg breiter und besser präpariert und ich bin froh, dass ich ohne Sturz hier angekommen bin. Es geht weiter zum Schloss Annenberg und nach meinem Motivationsdämpfer am Anfang bemerke ich nun wieder die Freude am Wandern, denn ohne meinen ungewollten Umweg wäre ich an dieser schön gelegenen mittelalterlichen Höhenburganlage nie vorbeigekommen. Ich beschließe, das Beste aus meiner Situation zu machen und weiter auf mein Wunder zu hoffen. Der Abstieg ist beendet und der Weg führt mich nun oberhalb von Goldrain und Vetzan bis zur Landstraße nach Tappein, an der mein Aufstieg zu meiner ursprünglichen Route am Vinschger Höhenweg beginnt. Ich folge der serpentinenartig angelegten Straße bergauf Richtung Tappein als nach bereits 2 Minuten mein erhofftes Wunder passiert: auf der ansonsten verlassenen Straße kommt mir ein unglaublich altes Auto mit einem unglaublich alten Mann am Steuer entgegen. Der Alte mit der Fluppe im Mundwinkel hält an und fragt mich, was ich denn alleine auf dieser Serpentinenstraße vorhabe und als ich ihm mein Dilemma mit dem Murenabgang vor Patsch erkläre dreht er kurz entschlossen um und fährt mit mir in etwa 15 Minuten den gesamten Anstieg mit dem Auto die Tappeiner Landstraße bergauf, bis sie den Vinschger Höhenweg kreuzt. „Wenn et bedde sich lohne däät“ hat Niedecken 1982 mal gesungen – heute hat sich’s gelohnt und mein nicht gerade in schillernder Rüstung sondern eher abgehalftert daherkommender Retter wünscht mir noch viel Glück für meine weitere Wanderung. Motivation jetzt wieder ganz oben.

Der Weg führt weiter, am Sonnenberg entlang Richtung Greit. Ich bin wieder weit oben hoch über dem Etschtal mit schönen Ausblicken ins Vinschgau zwischen Schlanders und Laas. Zirbelkiefern säumen die teilweise felsigen Anstiege und auf den schmalen Pfaden des Höhenwegs sind weder Spaziergänger, noch Touristen oder Mitwanderer unterwegs. Genau genommen war der Alte in seiner motorisierten Seifenkiste, die mich immerhin wieder den Berg hinaufgebracht hat, der einzige Mensch dem ich heute auf meiner Wanderung begegnet bin. Dafür steht nun völlig unvermittelt eine Ziegenherde vor mir und versperrt mir den schmalen Weg. Sie blicken mich genauso erstaunt an wie ich sie und während ich mich ihnen nähere gehen die meisten dann schließlich doch zur Seite. Eine der Ziegen bleibt jedoch stoisch mitten im Weg stehen und lässt sich letztlich nur mit physischer Kraftanstrengung zur Seite schieben. Der Weg ist frei und ich marschiere weiter. Nach etwa 200 Metern bemerke ich jedoch, dass mir mein vierbeiniger Freund von eben und zwei seiner Kumpanen folgen, dabei halten sie immer einen Sicherheitsabstand von 10-15 Metern ein. Als ich stehen bleibe bleiben sie auch stehen, als ich wieder weiter laufe gehen sie auch wieder weiter. „Nettes Spiel“ denke ich und renne los, die drei hinter mir galoppieren hinterher und halten den Abstand. Als ich abrupt anhalte macht die erste Ziege im Vollsprint eine Vollbremsung, was beinahe zur Kollision mit den beiden nachfolgenden führt. Das ganze hat schon fast etwas von Slapstick und geht so weiter über mehr als einen Kilometer. Schließlich geben meine Verfolger auf und sehen mir nur noch mit großen Augen hinterher, ein Königreich für ihre Gedanken.

Das Spiel mit den Ziegen hat mich zum Gmahrer Tal geführt. Ich überquere den Matatschbach und erreiche ein paar Minuten später den namensgebenden Weiler. Ein paar Häuser mit einem wie ausgestorben wirkenden Dorfplatz. Hier wird der Weg nun wieder breiter und es lässt sich relativ gemütlich wandern. Ich sammle meine Kräfte in dem Wissen, dass mir der größte Anstieg des Tages jetzt, kurz vor dem Etappenziel, bevorsteht. Es geht noch einmal über 400 Höhenmeter steil bergauf vom Gadriatal zum Alitzer Almweg unterhalb der Laaser Böden. Es wird ordentlich steil auf einem schmalen Pfad durch den Tröger Wald und ich komme noch einmal richtig kräftig ins Schwitzen. Ein paar Verschnaufpausen später habe ich dann aber doch den höchsten Punkt der Etappe auf 1.774 Metern erreicht. Von hier sind es noch etwa 2 Kilometer bis zum Ziel, es geht erst wieder etwas steiler, dann nur noch sanft bergab durch den Bannwald bis zum Gasthof Paflur oberhalb von Tanas. Ich checke ein und in gewohnter Reihenfolge – Duschen-Trinken-Abendessen – vollende ich den Wandertag. Es gibt Spaghetti mit frischen Pfifferlingen und Salat während die Abendsonne noch einmal alles gibt.