12,6 km (Distanz)

1.377 m (Aufstieg)

199 m (Abstieg)

553 m (niedrigster Punkt)

1.770 m (höchster Punkt)

Höhenprofil (Klick zum Vergrößern):

Freitag, 07.08.2020

8:00 Uhr in Reschen im Vinschgau, ich bin am Vortag angereist und habe hier übernachtet. Die Etschquelle, das Ziel meiner Tour, befindet sich zehn Minuten von hier entfernt in einem Waldgebiet. Am Vorabend bin ich schon mal hingelaufen und habe mir mein Tourziel angeschaut, sozusagen als kleine Motivation für die Tour. Jetzt gibt es Frühstück und währenddessen taucht Oli auf, er ist mein Fahrer, der mich mit dem Shuttlebus nach Staben bringen wird, wo meine Tour beginnt. Während der Fahrt haben wir ausreichend Gelegenheit, uns über die Tour zu unterhalten. Der Vinschger Höhenweg ist eher unbekannt und viele Informationen habe ich im Internet bei der Recherche zu Hause nicht bekommen. Oli ist den Weg schon mehrfach in beide Richtungen gelaufen und so bekomme ich noch ein paar wichtige Insidertipps, bevor wir Staben erreichen. Ich verabschiede mich von Oli, der noch mein Gepäck zum ersten Etappenziel nach St. Martin im Kofel fährt, dann geht’s los. Da ich heute nur mit Tagesgepäck unterwegs bin habe ich Kapazitäten für Wasser und Elektrolytgetränke und das ist gut so, denn mich erwarten 30°C auf der heutigen Etappe. Ansonsten weiß ich noch, dass heute ein eher kurzes Teilstück bevorsteht und das klingt erst einmal nach gemütlichem Einlaufen. Gut, es sind ein paar Höhenmeter zu bewältigen, aber das habe ich beim Start in Staben irgendwie noch nicht so auf dem Schirm.

Die Tour beginnt mit einem steilen Anstieg von Staben Richtung Schloss Juval, 300 Höhenmeter gleich zu Beginn, bis ich am Sonnenhof auf das erste Flachstück treffe. Zum Einlaufen ganz schön steil und schon bald liegt Staben weit unter mir und ich überblicke entlang der Etsch das gesamte untere Vinschgau. Schön ist es hier, aber schon ganz schön schweißtreibend, ich glaube ich habe diese erste Etappe bei den schon jetzt herrschenden Temperaturen ein wenig unterschätzt. Als ich hinter dem Sonnenhof auf den Stabner Waalweg treffe weiß ich, dass es jetzt erst einmal gemütlich wird, da die Waale naturgemäß nur in sanftem Gefälle angelegt wurden. So kann ich nun entspannt im Schatten der umgebenden Bäume oberhalb des Etschtals am Waalweg entlangspazieren. An einem schönen Picknickplatz lege ich eine kurze Pause ein, ich habe noch Salami, getrocknete Tomaten und Oliven dabei und die Stärkung kann ich gebrauchen, denn nachdem ich mir das heutige Höhenprofil noch mal genauer anschaue weiß ich, dass es in Kürze für den Rest der heutigen Wanderung nur noch weiter bergauf gehen wird.

Nach insgesamt knapp 4 Kilometern ist es soweit, ich befinde mich an eine Wegkreuzung oberhalb von Tschars und der Wegweiser deutet eindeutig nach rechts, den schmalen steilen Pfad hinauf. Der direkt vor mir liegende Weg sieht deutlich gemütlicher aus, aber er würde mich hinunter nach Tschars führen und so schnaufe ich einmal kurz durch und wende mich dann nach rechts. Die Sonne steht mittlerweile direkt über mir und ich habe schon eine ganze Menge meiner Flüssigkeitsreserven aufgebraucht, ich muss das Wasser ein wenig rationieren. Die abwechslungsreiche Sonnenberg-Vegetation und die Ausblicke ins Etschtal, die sich jetzt immer wieder bieten, entschädigen für den dauerhaften Anstieg. Schon bald folge ich dem von der kath. Männerbewegung angelegten Kreuzweg und mein eigenes „Leiden“ im Anstieg zum Trumsberg relativiert sich angesichts der von Schülern gestalteten Kreuzwegtafeln, die in regelmäßigen Abständen am Wegrand stehen.  Mittlerweile bin ich auf 1.200 Metern angelangt – mein Etappenziel liegt auf 1.770 Metern, ich habe also schon die Hälfte der heutigen Höhenmeter hinter mir – aber eben auch schon 3/4 meiner Wasservorräte aufgebraucht. Am Trumsberg, hoch über Kastelbell stehen ein paar Höfe und an einem lese ich das Wort „Hofschank“ – klingt perfekt, Hofschank Niedermair, geöffnet bis 18:00 Uhr. Es sieht relativ verlassen aus, aber die Aussichtsterrasse ist um die Ecke und dort treffe ich auf die Wirtin die mir versichert, dass ich bei ihr tatsächlich etwas zu trinken bestellen kann. Ich lasse mich auf der Aussichtsterrasse nieder, strecke die Beine von mir und bestelle erst einmal je ein großes Schorle mit hausgemachtem Himbeer- und Johannisbeersaft und da die Wirtin mir meinen Durst offensichtlich ansieht stellt sie mir eine Karaffe mit Wasser gleich noch dazu.

1,5 Liter später fühle ich mich wieder bereit, die Aussichtsterrasse mit dem schönen Blick ins Vinschgau zu verlassen und die etwas mehr als 400 Höhenmeter, die auf den letzten 5 Kilometern noch vor mir liegen in Angriff zu nehmen. Es geht weiterhin kontinuierlich bergauf, wenn auch die Anstiege nicht mehr ganz so steil sind. Trotz des warmen Sommertages ist es hier oben luftig und teilweise sonnengeschützt, eine gute Mischung aus Fels- und Waldwegen. Ich durchquere den Vermoibach-Graben, passiere den auf 1.550 Metern gelegenen Platzairhof und folge anschließend dem Höhenweg bis ich St. Martin im Kofel erreiche. Die Seilbahn und die Wallfahrtskirche sind schon von weitem erkennbar, meine Unterkunft am Oberkaser liegt jedoch versteckt unterhalb der Seilbahn, aber wenige Minuten später habe ich mein Etappenziel erreicht. Die letzten Tagesgäste verlassen gerade den Hofschank und so bin ich bei meiner Ankunft der einzige Gast, der hier auch übernachten wird. Nachdem mir die Wirtin mein Zimmer gezeigt hat ist erst einmal duschen angesagt bevor ich mich wieder zur Terrasse begebe, auf der ich die nächsten Stunden bis zum Sonnenuntergang die Aussicht und das Abendessen genieße. Es gibt hausgemachte Käseknödel mit Salat und dazu frische Buttermilch sowie einen gratis Rundumblick in die Bergwelt im Vinschgau. Nur ich, leckeres Essen und die Natur in den Bergen, die mich umgibt – genau so muss der erste Tag auf einer Fernwanderung ausklingen.