17,1 km (Distanz)

1.008 m (Aufstieg)

1.213 m (Abstieg)

1.256 m (niedrigster Punkt)

2.119 m (höchster Punkt)

Höhenprofil (Klick zum Vergrößern):

Samstag, 05.10.2019

Der Weg über den Pass steht an, vom Bündner Rheinwald ins lombardische Sondrio, von der Schweiz nach Italien. Ich bin gespannt auf diesen Tag, für den zunächst leichter Schneefall im Aufstieg zum Splügenpass vorhergesagt ist. Als ich die Tour nach dem Frühstück gegen 07:45 Uhr beginne ist der Himmel wolkenverhangen und ein feiner Sprühregen hinterlässt seine Spuren auf meiner Outdoorjacke, aber schon nach kurzer Zeit verstaue ich diese in meinem Rucksack. Der Niederschlag ist bereits durch und die vielen Schichten die ich in Erwartung des angekündigten, aber ausbleibenden Schneefalls übergezogen habe bringen mich beim Aufstieg ins Schwitzen. Nachdem ich meinen Zwiebellook neu arrangiert habe läuft es sich leichter. Der Anstieg ist sanft und führt zunächst entlang des Hüscherabachs, der mir vom Splügenpass entgegenkommt. Vor vier Monaten ist der unscheinbare Bach bei starken Niederschlägen vor der Einmündung in den Hinterrhein über die Ufer getreten und hat Teile der nahegelegenen Straße, zwei Brücken und einen Parkplatz beschädigt und das Waldgebiet entlang des Bachlaufs überflutet. Jetzt erinnert nur noch die mich umgebende Geröllwüste an die Überschwemmung vom Juni. Ich durchquere das einst überflutete Waldstück bis ich auf einen provisorisch ausgeschilderten Umweg treffe. Vor mir wird am Wanderweg gearbeitet und ein kleiner Bagger schiebt riesige Felsblöcke durch die Gegend. Ich fürchte, der Bach hat hier auch der Via Spluga den Garaus gemacht, aber schon nach wenigen Metern habe ich die Baustelle hinter mir gelassen und der Bach plätschert friedlich vor sich hin.

An der Marmorbrücke kreuze ich die Passstraße und setze meinen Weg auf einem schmalen Pfad über Alpweiden fort, bis ich Alp Bodmastafel sowie die Talstation eines Sesselliftes erreiche. Der Weg folgt dem Hüscherabach bis zur Schwarzhütte, dann wird erneut die Passstraße überquert und es geht abseits der Haarnadelkurven auf dem restaurierten gepflasterten Säumerweg bergauf zum Pass. Ich bin am höchsten Punkt der Tour angekommen und halte kurz inne, um den Moment zu genießen. Der anschließende Grenzübertritt ist unspektakulär, aber irgendwie ist das Wetter auf der südlichen Passseite schöner. Italien hat den Wolkenvorhang aufgerissen und begrüßt mich schon bald mit einem Ausblick zum Zwischenziel Montespluga mit umgebender Bergkulisse. Durch unschwieriges Gelände geht es sanft abwärts zu dem kleinen Dorf auf 1.900 m, das am gleichnamigen Stausee gelegen ist.

Der nächste Wegabschnitt führt mich am rechten Seeufer des Lago di Montespluga entlang und ist weniger spektakulär als erwartet. Immer wieder geht es auf schmalen Wegpassagen über Geröllfelder am Uferhang und zudem hat nun auch wieder ein leichter Nieselregen eingesetzt. Als ich jedoch die Staumauer erreiche kommt bereits wieder die Sonne hervor und zaubert einen Regenbogen über den Lago di Montespluga. Auf der anderen Seite der Staumauer zeigt sich schon der spektakuläre Ausblick in die Cardinelloschlucht und dieser Etappenabschnitt, der sowohl zur Via Spluga als auch zur Via Alpina zählt, hält dann auch was er verspricht. Der Saumweg durch die Schlucht wurde 1643 angelegt und im Laufe der Jahre immer weiter ausgebaut und befestigt. Mit ein wenig Trittsicherheit und Schwindelfreiheit ist der Wegabschnitt somit eigentlich problemlos zu absolvieren und die diversen Ausblicke in die wildromantische Schlucht zählen zum Schönsten was die Via Spluga zu bieten hat.

Nachdem ich die steilsten Abschnitte der Cardinelloschlucht hinter mir gelassen habe gönne ich mir eine kurze Pause und widme mich den Überresten von Bündner Nusstorte und Ovo-Schokolade. Anschließend steht der letzte Streckenabschnitt bevor, der mich über die kleinen romantischen Bergdörfer Soste, Rasdeglia und Mottaletta meinem Etappenziel näher bringt. Es geht stetig bergab und schon bald kann ich Isola im Tal vor mir ausmachen. Ich wandere in gemütlichem Tempo und genieße die Ausblicke in die Bergwelt, die umgebenden Wäder und zum vor mir liegenden Stausee Lago d’Isola. Im Dorf angekommen mache ich mich auf zu meiner Unterkunft im Locanda Cardinello. Das historische Haus ist eine ursprüngliche Säumerstation und seit Generationen im Familienbesitz. Der Hausherr begrüßt mich und führt mich in ein Nebengebäude, in dem ich heute als einziger Gast untergebracht bin. Er erklärt mir, dass ich mich zum Abendessen gegen 18.00 Uhr wieder im Haupthaus einfinden soll und so habe ich erst einmal noch etwas Zeit zum Duschen und Ausruhen. Als ich am Abend wieder im Gasthaus eintreffe werde ich zunächst mit anderen Gästen mit einem Aperitif und ein paar selbstgebackenen Apfelküchlein begrüßt, anschließend führt man uns in eine Gaststube aus dem 17. Jahrhundert, in der das Abendessen serviert wird. Ich komme unter an einem Tisch mit einer Schweizer Familie, die heute ebenfalls auf der Via Spluga unterwegs war und schon bald sind wir in eine Unterhaltung über unsere Wandererlebnisse vertieft, während wir unser Essen genießen. Vom Personal wird hier nicht nachgefragt oder erklärt sondern einfach serviert und das ist gut so. Wir erhalten Pizokel zur Vorspeise und Rippchen und Würstchen mit Polenta und Gemüse als Hauptgang, dazu den Hauswein nach Belieben. Zum Nachtisch noch ein Stück Schokokuchen, dann sind alle Wünsche erfüllt und ich freue mich nur noch auf mein Bett …