33,4 km (Distanz)

1.246 m (Aufstieg)

1.411 m (Abstieg)

1 m (niedrigster Punkt)

845 m (höchster Punkt)

Höhenprofil (Klick zum Vergrößern):

Freitag, 03.05.2019

Um 5:50 Uhr verlasse ich das Eingangsportal des Hotel Maristel in Estellencs und trete in die pechschwarze Nacht. Sonnenaufgang ist um 6:48 Uhr und so laufe ich die ersten Kilometer meiner Abschlussetappe im Schein meiner Taschenlampe. Vor mir liegen 33 ½ Kilometer mit über 1.200 Höhenmetern durch teilweise unmarkiertes und schwieriges Gelände und ich habe mal grob eine Gehzeit von 12 Stunden eingeplant. Ab 18:00 Uhr ist für Port d’Andratx Regen vorhergesagt und nachdem ich bislang nur ein paar wenige Tropfen am Vortag abbekommen habe bin ich bewusst in diesen frühen Morgenstunden aufgestanden, habe mein Frühstück, bestehend aus einem Instantkaffe und etwas Schokolade, im Hotelzimmer zu mir genommen und bin unter den mitleidigen Blicken des Nachtportiers aufgebrochen.

Es geht parallel zur Landstraße Ma-10 aus dem Ort heraus, irgendwo bellt ein Hund, ein paar Vögel zwitschern schon und ansonsten herrscht Ruhe. Nach knapp zwei Kilometern führt der Weg auf die Ma-10, auf der ich einen Kilometer zu gehen habe und ich bin froh, dass um diese Uhrzeit noch keine Autos auf der Landstraße unterwegs sind. Hinter dem Coll des Pi zweigt links ein Waldweg ab, der im weiteren Verlauf als Schotterweg in Serpentinen aufwärts zum Refugi Coma d’En Vidal führt. Zwischenzeitlich ist die Sonne aufgegangen und vom Meer kriecht der Morgennebel langsam hinter mir in die Bergwelt. Das Refugi wirkt verlassen und still, die Fensterläden sind geschlossen und so laufe ich weiter bergauf bis ich eine Weggabelung am Fuß der Serra des Pinotells erreiche. Geradeaus ist der GR221 in Richtung Es Capdellà ausgeschildert, hierbei handelt es sich jedoch nur um eine Wegvariante die im Landesinneren vier Kilometer östlich von Andtrax endet. Mein Weg nach Port d’Antratx geht hier rechts ab, von nun an jedoch wieder ohne Wegmarkierung und so beginnt hier der anspruchsvollste Teil meiner Tour.

Zur Orientierung dienen wieder kleine Steinmännchen, die ich jedoch bereits im weiteren Aufstieg aus den Augen verliere. Der Weg ist im hohen Gras kaum zu erkennen und mein GPS verrät mir, dass ich mich bereits ca. 20 Meter abseits des Weges befinde. So navigiere ich behutsam zurück auf den Pfad, den ich als solchen erst erkennen kann, als ich mich bereits wieder auf ihm befinde. Nach Erreichen der Passhöhe Coll des Quer zwischen Es Castellet und dem Mola de S’Esclop, auf dem der Trail wieder etwas besser erkennbar ist, geht es weiter bergauf, bis ich an einer Hochebene am Fuß des Mola de S’Esclop den höchsten Punkt meiner heutigen Etappe erreicht habe und an den Mauerresten einer Ruine eine kurze Pause einlege. Hier eröffnet sich eine fantastische Aussicht nach Süden und in der Ferne kann ich bereits Port d’Andratx, das Ziel meiner Tour, erkennen. Das motiviert, doch mich trennen noch 25 Kilometer, 550 m Anstieg und 1.400 m Abstieg vom Ende der Tour und ich ahne, dass es kein Spaziergang wird.

Es geht abwärts über ein Geröllfeld, weglos und unübersichtlich mit der ein oder anderen Klettereinlage. Mehrfach komme ich vom nicht vorhandenen Weg ab und spätestens als ich an einer Abbruchkante stehe merke ich, dass ich mal wieder ein Steinmännchen übersehen haben muss. Mehrfach muss ich mit Hilfe des GPS meine Position korrigieren, gleichzeitig auf meine Schritte im Geröllfeld achten, nach Steinmännchen suchen und dabei die immer noch spektakuläre Aussicht nach Süden bewundern. So komme ich zunächst nur langsam voran, bis ich auf einmal von einer Gruppe vier junger Männer eingeholt werde. Es sind die vier Franzosen vom Vortag und da acht Augen mehr sehen als zwei sind sie gemeinsam wesentlich besser im Gelände orientiert als ich. Wir unterhalten uns kurz und ich erfahre, dass sie heute ebenfalls noch bis Port d’Andratx laufen wollen und beschließe, dass ich mich für den Abstieg an ihre Fersen heften werde. Sie sind wie gestern deutlich schneller unterwegs als ich und es ist eine Herausforderung mit ihnen mitzuhalten, aber ich komme in der Gruppe nun deutlich schneller voran. Gemeinsam erreichen wir schließlich das Zwischenziel an der Finca Ses Fontanelles, wo meine vier Begleiter erst mal eine Pause einlegen. So bin ich schon bald wieder alleine unterwegs und es geht zunächst mal wieder auf die Landstraße Ma-10, der ich zwei Kilometer aufwärts Richtung Andratx bis zum Coll de sa Gramola folge.

Der nun folgende Höhenweg entlang der Küste bietet immer wieder spektakuläre Ausblicke und ist ohne größere Schwierigkeiten zu bewältigen. Schon bald werde ich wieder von meinen französischen Freunden überholt, während ich gemütlich weiterlaufe und im Verlauf  die Aussicht zur vorgelagerten Insel Sa Dragonera und zum ehemaligen Trappistenkloster La Trapa bewundern darf. Hier beginnt der Abstieg zum Meer, zunächst mit einer etwas kniffligen Kletterpassage, anschließend unspektakulär durch einen Kiefernwald zum Küstenort Sant Elm. Über die Strandpromenade gelange ich zum Ortsende und beginne den letzten Abschnitt meiner Tour, bei dem noch einmal 7 ½ Kilometer und 300 Höhenmeter zu bewältigen sind.

Es geht zunächst wieder bergauf über Schotterpisten und Waldwege, dann wird es einmal mehr unübersichtlich, und ich beginne die Suche nach den Steinmännchen in dem Moment, als mir von hinten jemand zuruft „my friend ‚olger, you allright?“ Es sind die vier Gallier, die ich irgendwo unterwegs wieder überholt haben muss und gemeinsam bewältigen wir den letzten Anstieg über den Pass Vermell bevor sie mir auf dem letzten Abstieg zum Zielort wieder davonziehen. Die letzten Kilometer sind Auslaufen und schon bald ist Port d’Andratx zwischen den Bäumen des Pinienwaldes sichtbar. Über Serpentinen geht es abwärts und nach 11 Stunden Wanderung erreiche kurz vor 17:00 Uhr den Hafen von Port d’Andratx. Dunkle Wolken sind bereits aufgezogen und pünktlich um 18:00 Uhr beginnt der vorhergesagte Regen, aber da habe ich schon längst mein Zimmer in einem der vielen Hotels in Port d’Andratx bezogen, wo mir am nächsten Morgen beim Frühstücksbuffet meine vier französischen Freunde wieder begegnen werden …